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Sonntagszeitung (Schweiz)

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Guck mal, wer da spricht

In Kursen für Babyzeichensprache lernen Kleinkinder schon früh kommunizieren

Von Alexandra Bröhm

Ashley klatscht. Das elf Monate alte Mädchen sitzt mit seiner Mutter auf dem Boden des St.-Andrew-Gemeindezentrums in Zürich. «Old Mac Donald had a farm», schallt es durch den Raum, «I-Ei-I-Ei-O». Ashley schielt zum gleichaltrigen Jamie. «And on that farm he had some chicks.» Beim Wort «Chick» spreizt Kursleiterin Jane Hinde ihre Ellbogen vom Körper und schlägt mit ihnen, als wäre sie ein aufgeregtes Huhn. Sechs Mütter machen es ihr nach.

Die Mütter sind gekommen, um etwas Licht in die geheime Welt der Kleinsten zu bringen. Sie besuchen einen Kurs in Babyzeichensprache für hörende Kinder. Im englischen Sprachraum sind solche Kurse populär, nun gibt es auch in der Schweiz und Deutschland erste Angebote auch mit deutschen Liedern.

Zeichen für «Windel voll», «Auto» oder «Keks»

Die Idee dahinter: Die Sprachfähigkeit der Babys hinkt ihrer geistigen Entwicklung hinterher. Bevor das kleine Kind das Wort «Ball» sagen kann, weiss es schon genau, dass es jetzt gerne mit dem runden Ding in der Kiste oben links spielen würde. Bis es das mit Zunge, Stimmbändern und Lippen artikulieren kann, sollen die Hände die Aufgabe übernehmen.

Die Kursteilnehmerinnen und ihre Kinder zwischen 8 und 18 Monaten sitzen im Kreis. Kursleiterin Hinde stimmt ein neues Lied an: «Where oh where is Jessie». Heute steht das «Wo»-Zeichen auf dem Programm. Jedes Mal, wenn das Wort «where» fällt, dreht Hinde ihre Handflächen nach oben und beschreibt mit ihnen je einen Kreis.

Dann hat Stoffkatze Jessie ihren Auftritt, sie ist weil Babys Routine lieben fester Bestandteil jeder Stunde. Jamie und Ashley schauen gebannt nach vorne, als die Katze hinter der Tischplatte hervorschielt und Jane Hinde zum «Gugus-Dada» ansetzt. «Where oh where is Jessie?».

In der wöchentlichen Stunde lernen die Mütter die wichtigsten Zeichen, die sie ihren Kindern im Alltag beibringen sollen. Wort und Zeichen werden dabei immer kombiniert. «Möchtest du mehr Milch?», fragt Jamies Mutter und macht dazu die Zeichen für «mehr» und «Milch». Der Wortschatz kann bis zu 100 Zeichen umfassen: Dinge wie «Windel voll», «Keks» oder «Auto», die für Babys eine wichtige Rolle spielen.

Jane Hinde unterhielt sich mit ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter Stefanie ab ihrem sechsten Lebensmonat mit Zeichen. «Nachdem sie mir eine Weile erstaunt zuschaute, fing sie mit acht, neun Monaten an, eifrig per Zeichensprache mit mir zu sprechen.»

Das «Babysigning» entstand in den Achtzigerjahren in den USA. Gebärdendolmetscher Joseph Garcia beobachtete, dass Kinder Gehörloser ihre Bedürfnisse viel früher ausdrücken konnten als Kinder hörender Eltern. Garcia begann die Babyzeichensprache zu entwickeln und schrieb das Standardwerk «Sign with your baby». Heute gibt es in den USA und in Grossbritannien unzählige Ableger der Garcia-Methode mit eigenen Kurssystemen.

Kritiker sprechen von «Frühförderungswahn»

Die Zeichensprache nützt eine natürliche Fähigkeit der kleinen Kinder. «Jedes Baby macht von sich aus ein, zwei Zeichen wie winken oder klatschen», sagt Hinde. «Das wollen wir fördern.»

Die US-Gesundheitsbehörden haben breit angelegte Studien zum Thema finanziert. Die Entwicklungspsychologinnen Barbara Goodwin und Linda Acredolo untersuchten beispielsweise, ob die Zeichensprache die normale Sprachentwicklung verzögert, weil sich die Kinder ja mit Zeichen ausdrücken können.

Das Gegenteil trifft zu, konnten die Forscherinnen in einer Studie an 103 Kindern zeigen. In Zeichensprache geschulte Kinder fingen im Durchschnitt früher an zu sprechen als ihre Altersgenossen. Auch das Gehirn entwickelte sich besser. «Sprache wird in der linken Hirnhälfte verarbeitet, die Zeichensprache stimuliert jedoch zusätzlich die rechte Hirnregion und lässt neue Nervenverbindungen entstehen», sagt Vivian König, die in Deutschland unter dem Label «Zwergensprache» ein ähnliches Kursangebot aufzieht.

König hat das Babysigning übersetzt. Sie arbeitet mit deutschen Kinderliedern und der deutschen Gebärdensprache. «Zuerst war ich skeptisch, als ich in England von der Zeichensprache hörte», sagt sie. Als ihr Sohn Maximilian ihr aber im Alter von neun Monaten ohne Gequengel, sondern mit dem Zeichen für «mehr» signalisierte, dass er jetzt unbedingt noch mehr Reiswaffeln essen müsse, war sie überzeugt.

Als «amerikanischen Frühförderungswahn» bezeichnen Kritiker die Babyzeichensprache. «Solange die Förderung den Kindern Spass macht, sehe ich kein Problem», sagt Hilda Geissmann, Leiterin der Abteilung Logopädie am Kinderspital Zürich. Und Spass haben Ashley und Jamie sichtlich.

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